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Deutschlandfunk: Taiwan



Deutschlandfunk Nova: Sendung „Eine Stunde History“ vom 19.12.2022,

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2022/12/16/deutschlandfunknova_1992_erste_freie_wahlen_20221216_7f7a48eb.mp3

Markus Dichmann: Die Geschichte Taiwans also ist heute unser Thema. Damit auch, habt Ihr gemerkt, irgendwo auch ein Teil chinesischer Geschichte, und wo Matthias (von Hellweg) aufgehört hat, wollen wir den Faden weiterspinnen mit Thomas Weyrauch. Er hat mehrere Bücher über China und Taiwan geschrieben, zum Beispiel „Chinas demokratische Traditionen“. Hallo, Herr Weyrauch.

Thomas Weyrauch: Guten Tag!

Dichmann: Welche Folgen hatte diese japanische Kolonialzeit für Taiwan? Da hatten wir gerade aufgehört, Herr Weyrauch, also mit der Übergabe Taiwans in japanischen Kolonialbesitz bzw. der Übernahme oder die Übernahme, sollte man besser sagen. Welche Folgen hatte das für Taiwan?

Weyrauch: Wir müssen erst einmal davon ausgehen: es war ein Angriffskrieg gegen das Kaiserreich China, bei dem Japan mit dem erzwungenen Vertrag von Shimonoseki die Insel Taiwan als Kolonie an sich gerissen hatte, als Kriegsbeute. Damit begann die Zeit einer Unterwerfung und wirtschaftlichen Ausbeutung Taiwans. Durch die von Japan erzwungene Assimilation der Taiwaner sollten ihre chinesischen Wurzeln gekappt werden. Die Bewohner erhielten sogar gegen ihren Willen japanische Namen und mussten japanisch reden. Immer wieder gab es Aufstände gegen diese japanische Fremdherrschaft.

Auf dem chinesischen Festland – parallel laufend – beendeten Revolutionäre die Kaiserherrschaft und riefen die Republik China aus. 1913 folgten landesweite freie Wahlen. Viele Taiwaner sehnten sich nach solchen Entwicklungen, doch bald tobten Bürgerkriege auf dem Festland, bis schließlich 1928 Chiang Kaishek die Republik China nach einem langen Kampf wieder vereinigen konnte. Nicht wenige Taiwaner hofften deshalb auf Chiang, der sie vom Joch des Kolonialismus befreien sollte.

Dichmann: Diese Kolonialzeit unter der viele Taiwanesen offensichtlich gelitten hatten, wie sie gerade beschrieben haben, dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Vielleicht wäre das auch eine Erwähnung wert. Wie haben sich Taiwanesen im 2. Weltkrieg verhalten?

Weyrauch: Faktisch begann in Ostasien der Zweite Weltkrieg früher als in Europa, nämlich mit der japanischen Besetzung der Mandschurei 1931, spätestens aber mit der japanischen Okkupation Nord- und Ost-Chinas 1937. Speziell in der Zeit der 30er und 40er Jahre wurde auch auf Taiwan der Faschismus propagiert und praktiziert, der seine Entsprechungen im deutschen und italienischen Faschismus hatte. Ein großer Teil der Bevölkerung Taiwans litt natürlich darunter. Aber nicht wenige Taiwaner arrangierten sich mit der Fremdherrschaft, manche zogen Nutzen aus Japans Politik, dem Bildungssystem und der Wirtschaft. Sie machten damit Karriere. Alle Taiwaner hatten die Alternative, sich zu fügen oder verfolgt zu werden. Schließlich wurden junge Taiwaner zum Kriegsdienst eingezogen und mussten gegen die Chinesen vom Festland, also eigene Landsleute, kämpfen.

Dichmann: Da wird es nun auch langsam unübersichtlich, Herr Weyrauch, in dieser chinesisch-taiwanischen Geschichte. Ende Zweiter Weltkrieg ist es nämlich so, dass Japan Taiwan wieder abgibt und zwar – haben Sie schon erwähnt – in die Hände der Republik China, die 1912 nach dem Ende des chinesischen Kaiserreichs gegründet worden war. Wie kommt es dazu?

Weyrauch: Wenn Ihnen das Letzte schon kompliziert war, dann wird es noch doller! (beide lachen) Eine komplizierte Entwicklung!

Dichmann: Ja.

Weyrauch: Die Rückgabe Taiwans fand in mehreren Akten statt: Lin Sen, der Präsident der Republik China, erklärte erst vier Jahre nach der japanischen Invasion, also nach dem japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbour 1941, Japan den Krieg und dabei forderte er Taiwans Rückgabe. Auf den Alliiertenkonferenzen von Kairo – das war 1943 – und von Potsdam 1945 wurde die Forderung bekräftigt und schließlich auch 1945 im Kapitulationsvertrag mit Japan vollzogen. Nun, nachdem Taiwan wieder chinesisch und Teil der Republik China geworden war, erkannte Nachkriegsjapan 1952 die Herrschaft der Republik China über Taiwan vertraglich an. Dieser Vertrag von Taipeh war ein völkerrechtlich wichtiger Schritt, der die Herrschaft der Republik China über Taiwan legitimierte. Soweit das Völkerrecht, man kann aber manches aus der Sicht der Inselbewohner sehen.

Dichmann: Und wie genau?

Weyrauch: Nach dem anfänglichen Jubel der Taiwaner über die Wiedervereinigung folgte die Repression eines brutalen Gouverneurs, der die in fünf Dekaden japanisch zwangsassimilierten Taiwaner in kürzester Zeit chinesisch zwangsassimilieren wollte.

Dichmann: Also die Rückabwicklung dieser Assimilierung.

Weyrauch: Genau, genau. Hinzu kam – wie gehabt - die wirtschaftliche Ausbeutung dieses Mannes. Eine große Zahl von Taiwanern erhob sich deshalb 1947 gegen seine Herrschaft. Jener Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Es gab Opfer unter Taiwanern und Festländern. Dieses Ereignis vertiefte die Entfremdung zwischen beiden Bevölkerungsgruppen.

Dichmann: 1947 also ein ganz wichtiges Jahr, was die Trennung zwischen Taiwan und Festland angeht, 1949 dann aber der endgültige Bruch als Ergebnis des chinesischen Bürgerkriegs. Das müssen Sie uns vielleicht auch noch erklären.

Weyrauch: Muss ich? (lacht) – Ab 1946 konnten die chinesischen Kommunisten bereits mit sowjetischer Waffenhilfe große Teile der Republik China auf dem chinesischen Festland erobern. Es gelang jedoch in dieser Zeit, 1948, eine demokratische Verfassung durch die Nationalversammlung der Republik China in Kraft zu setzen. Also auch mit den Abgeordneten von Taiwan. Paradoxerweise – so sehe ich das – …

Dichmann: Hmhm.

Weyrauch: … beschloss das Parlament verfassungseinschränkende Sondergesetze, welche die Regierung mit diktatorischen Vollmachten ausstatteten, damit eben diese kommunistische Aggression zurückgedrängt werden sollte. – Wie wir wissen, war das vergebens: Denn 1949 rief Mao Zedong in Peking die Volksrepublik China aus. Für die meisten Bürger des Landes begann damit eine Schreckensherrschaft. Inzwischen waren die Verfassungsorgane, Behörden und Gerichte der Republik China nach Taiwan verlegt worden. Bildungseinrichtungen, Banken und Industrieunternehmen sowie 2,5 Millionen Flüchtlinge vom Festland folgten. 2,5 Millionen, wohlgemerkt!

Dichmann: Hm.

Weyrauch: Mit Ausbruch des Korea-Krieges 1950 konnte sich die Republik China immerhin von Taiwan aus mit Hilfe der USA gegen Angriffe der Volksrepublik China verteidigen. Das Festland – das wissen wir – blieb aber bis heute für die Republik China verloren.

Dichmann: Also auf der eigentlich gerade erst von Japan zurückgewonnenen Insel Taiwan überlebt die erste chinesische Republik von 1912, das kann man schon so sagen, oder.

Weyrauch: Es ist nicht ganz richtig, …

Dichmann: (lacht)

Weyrauch: … denn die erste chinesische Republik war die Republik Taiwan im Jahr 1894, eine Republik, die nur wenige Monate existierte und dann unterging. Aber wir lassen das mal so stehen.

Dichmann: OK, gut. (lacht) Ist es dann so, Herr Weyrauch, dass sich Taiwan in den nächsten hundert Jahren sich zu einem krassen Technologiestandort entwickelt hat wie zu einer weltweiten Wirtschaftsmetropole, weil dieser Bruch mit Festlandchina kam oder trotz dieser Trennung?

Weyrauch: Hm, das ist schwierig zu sagen. Also, es ist nun einmal so, dass Taiwan ein kleines Land ist, dessen Infrastruktur relativ schnell aufgebaut werden konnte. Dazu gehört natürlich auch alles, was Freiheitsrechte betrifft. Ja, das ist ja ein moderner Staat, der zwar auf dem Festland geboren wurde, aber man hat in diesem Viel technologisch aufbauen können und in der Zeit, als diktatorisch regiert werden konnte, in der Zeit von Chiang Kaishek, der mit Sondergesetzen ermächtigt worden war, hat er dafür gesorgt, dass die Regierung eine Bodenreform durchführen konnte, die Industrie aufgebaut wurde, eine Bildungsreform stattfand. Damit hat es einen rasanten Aufschwung gegeben. Und wenn ich das hinzufügen darf: Als die Festlandchinesen unter Mao noch hungerten, war Taiwan längst kein Entwicklungsland mehr.

Dichmann: Thomas Weyrauch war das. „Chinas demokratische Traditionen“ ist eines seiner vielen Bücher, die er über China und Taiwan geschrieben hat. Ich habe gemerkt, er kennt sich bestens aus. Er war zu Gast im Deutschlandfunk. Vielen Dank, Herr Weyrauch.

Weyrauch: Ich danke Ihnen!



12. Februar 1912: Das Ende von Chinas Monarchie

Mit dem Abdankungsedikt des sechsjährigen Kaisers Xuantong (宣統) am 12. Februar 1912 endete in China eine mehrtausendjährige Monarchie. Schweren Herzens unterzeichnete Longyu (隆裕), die Witwe des 1908 verstorbenen Kaisers Guangxu das Edikt für den kleinen Puyi (溥儀), so sein eigentlicher Vorname, der die Tragweite des Geschehens noch nicht verstehen konnte.

Damit fand die mandschurische Qing-Dynastie nach 267 Jahren ihr Ende. Ihre Fremdherrschaft über China war nach der republikanischen Revolution vom 10. Oktober 1911 innerhalb weniger Monate zusammengebrochen.

Puyis Zeit als Augustulus war abgelaufen. Mit jenem Edikt erkannte Kaiserinwitwe Longyu die Republik China als legitimes politisches Staatssystem an. Ein Jahr und zehn Tage später verstarb Longyu 45jährig, während die Republik gerade die ersten Wahlen für die beiden Parlamentskammern durchführte. An ihrer Trauerfeier nahm Vizepräsident Li Yuanhong (黎元洪) teil.

Puyi blieb zeitlebens eine bedauernswerte Marionette, zunächst restaurativer Kräfte, dann Japans und nach 1949 Mao Zedongs. Er starb 1967.

Zwei zentrale Persönlichkeiten sollten in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden: Sun Yatsen (孫逸仙) und Yuan Shikai (袁世凱).

Sun, Vorsitzender der republikanischen Tongmenghui (同盟會) bzw. ab 1913 der Zhongguo Guomindang (中國國民黨), war der Überzeugung, das chinesische Kaiserreich sei nicht reformfähig und müsse durch eine Revolution einer Republik weichen, welche in Etappen zu einem demokratischen Staat umgewandelt werden solle. Die Erfahrung, dass eine Verschwörung um Yuan Shikai im Jahr 1898 den reformfreudigen Kaiser Guangxu (光緒) gestürzt und seine „Hundert-Tage-Reformen“ beendet hatte, machte Yuan für die Revolutionäre nicht gerade zu einem Mann des Vertrauens.

Yuan, nach dem Tod der ihn protegierenden Kaiserwitwe Cixi gänzlich entmachtet, rief der Hof angesichts der vorrückenden Revolutionäre zurück und machte ihn zum Regierungschef.

Um Blutvergießen zu vermeiden, schlossen die Tongmenghui mit den Kaisertreuen auf Vorschlag Yuans einen Kompromiss, das Kaiserhaus solle unter Beibehaltung zahlreicher Privilegien zugunsten einer Republik abdanken. Auch solle nicht mehr Sun Yatsen als Präsident der von ihm am 1. Januar 1912 ausgerufenen Republik China, sondern Yuan selbst vorstehen.

Mit seinen Intrigen hatte Yuan somit 1898 die Hundert-Tage-Reform zunichte gemacht sowie 1912 die unbedarfte, führungsschwache Longyu über den Tisch gezogen. Er mauserte sich vom kaiserlichen Kanzler zum Präsidenten einer von ihm verachteten Republik. Doch unmittelbar nach den Wahlen 1913 putschte Yuan erneut. Diesmal bekämpfte er die neue parlamentarische Ordnung, zerschlug die Guomindang, die gerade einen Wahlsieg errungen hatte, und verfolgte ihre Mitglieder. In seiner Hybris ließ er sich im Dezember 1915 sogar zum Kaiser ausrufen, starb aber drei Monate später.

Literatur

Thomas Weyrauch: Chinas unbeachtete Republik. Band 1, S. 41 - 72.
http://www.dr-thomas-weyrauch.de/buecher/sachbuecher/chinas-unbeachtete-republik-band-1/index.html

Thomas Weyrauch: Chinas demokratische Traditionen, S. 45 - 97.
http://www.dr-thomas-weyrauch.de/buecher/wissenschaft/chinas-demokratische-traditionen-/index.html